Forschungsinteressen im Rahmen der Habilitation

Meine Forschungsinteressen im Rahmen meiner Habilitation bewegten sich in der Literatur- und Geistesgeschichte der japanischen Zwischen- und Nachkriegszeit, im Schnittpunkt zu sozial­wissenschaftlichen Fragestellungen: Anhand einer historischen Diskursanalyse unter Einbezug­nahme von Bourdieus Theorie des literarischen Feldes untersuchte ich im Rahmen meiner Habilita­tions­schrift Das zerrissene Bewusstsein: Wiederholung und Differenz im japanischen Intellektuellendiskurs (chishikijin ron) der Zwischen- und Nachkriegszeit die Selbstwahrnehmung und Identitätssuche japanischer Intellektueller im 20. Jahrhundert im Spiegel europäischer, insbesondere französischer Intellektuellenkonzepte. Im Zentrum der Untersuchung standen deshalb Intellektuellendiskurse über Literatur und Politik und ihre Bezüge zu Sartres Konzept des literarischen Engagements. Anhand von schriftlich ausgetragenen Intellektuellendebatten entschlüsselte ich eine kulturspezifische Diskurstradition, die aktuell im Internet in Diskussionsforen seine Entsprechung findet. Die Arbeit wurde im Mai dieses Jahres an der Universität Zürich eingereicht.

 


Abstract der Habilitationsschrift

Anfang der 20er Jahre, ausgelöst durch das Erstarken des Marxismus nach der russischen Oktoberrevolution und der daraus hervorgehenden proletarischen Literaturbewegung (puroretaria bungaku undō) entstand in Japan ein Diskurs über die Rolle des Intellektuellen in der Gesellschaft und seinem Verhältnis zum „Volk“, welcher unter dem Namen chishiki kaikyū ron (nach 1945 chishikijin ron) bekannt ist. Angeführt wurde der Diskurs in erster Linie von marxistisch orientierten Kritikern und Literaten, die sich Fragen nach der Verantwortung der Literatur in der Gesellschaft und der diesbezüglichen Rolle der Intelligenz stellten. Der Diskurs wurde insbesondere nach den Massenbekehrungen (tenkō seimei) zahlreicher Marxisten nach 1933 neu entfacht und führte im literarischen Feld zur so genannten Aktionsliteraturdebatte (kōdō shugi bungaku ronsō), bevor der Diskurs nach 1939 vollkommen zum Erliegen kam, um nach 1945 dafür umso heftiger weitergeführt zu werden: Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs brachte nach 1945 eine Gene­ra­tion von, meist marxistisch orientierten In­tel­lek­tuellen hervor, welche nach ihrer eigenen Kriegsschuld und nach individueller Verantwortung in der Ge­sellschaft fragte. In Japan waren es vor allem Literaten, die sich dieser Frage annahmen und die Verantwortung der Literatur in einer modernen Gesellschaft betonten. Die wieder gewonne­ne Presse­frei­heit in Japan und die rasche Ausbreitung der Medien erlaubte den Schriftstellern einen zeitgleichen intellektuellen Informations­aus­tausch auf globaler Ebene. In dem von linken Romanisten angeführten literari­schen Feld Japans richteten die Schriftsteller auf der Suche nach intellektuellen Modellen ihren Blick insbesondere nach Frank­reich. In der Résistance-Literatur und dem nachkriegs­zeitlichen, von Sart­re postu­lierten Konzept der “littérature engagée” (jap. angājuman no bungaku), entdeckten sie ein intellektuelles Ideal und Vorbild für ihre eigene Literatur und transformierten die­ses Modell auf japanische Verhältnisse. In der japanischen Nach­kriegszeit ent­stand somit ein politisch engagierter und sozial­kritischer Typus des intel­lek­tuel­len Schrift­stellers, der dem Konzept des französischen Intel­lek­tuellen in vieler Hinsicht ähnelt, und der sich in seiner Selbstdefinition stark am Sartre'schen Engagementkonzept orientierte. Erst in den 70er Jahren verlor dieser Intellek­tuellen­­typus in Japan seine Wirkkraft.

Anhand einer Diskursanalyse von vier Haupt und vier Nebendiskursen zwischen 1920 und 1970 unter Einbezugnahme von Bourdieus Theorie des literarischen Feldes habe ich die Entwicklung, die Rolle  und die Selbstwahnehmung des modernen ja­pa­ni­schen Intellektuellen in der Zwischen- und Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts gezeichnet und ein Intellektuellenprofil der japanischen Literaten im Lich­te ihrer Bezüge zum sartreschen, existentialistischen Engagementkonzept neu definiert.

 

PDF Habilitation