Abstract Von der Boudoirpoesie zur 'wartenden Frau'

Im Zentrum der chinesischen Hofpoesie (gongtishi) der späten Sechs Dynastien, repräsentiert durch die Gedichtanthologie Yutai xinyong (Neue Lieder von der Jade-Terrasse [545]), steht die thematische Verarbeitung einer auf ihren Liebhaber wartenden Hofdame. Diese unter dem Begriff Boudoirpoesie (guiyanshi) zusammengefassten Gedichte wurden mehrheitlich von Dichtern verfasst, die sich fiktiv in die Lage einer von ihrem Liebhaber vernachlässigten und in ihrem Boudoir wartenden Hofdame versetzten und aus deren Sicht ihrem Liebesleid Ausdruck verliehen. Das Yutai xinyong übte auf die japanische waka-Poesie einen grundlegenden Einfluss aus. Ansätze dazu zeigen sich bereits im Man’yôshû, insbesondere jedoch im Kokinshû und der darauffolgenden Heian-Literatur, die durch eine stark pessimistische Weltanschauung sowie durch ein Dichtungsideal geprägt ist, das die unerfüllte, vom Objekt der Sehnsucht abgewandte Liebe zelebriert. Auf dem Festland waren die literarische Verarbeitung zwischengeschlechtlicher Emotionen und unerfüllter Liebessehnsucht aus der Sicht von Männern tendenziell tabuisiert. Liebesgefühle wurden deshalb indirekt über den Umweg der einsam wartenden Hofdame zum Ausdruck gebracht. Zudem war die Poesie hauptsächlich eine Domäne des männlichen Geschlechts. In der japanischen Dichtkunst hingegen sind einerseits auch Dichterinnen stark vertreten, andererseits war aufgrund des Postulats nach emotionaler Aufrichtigkeit der männliche Gefühlsausdruck gesellschaftlich sanktioniert. Der Ausdruck der unerfüllten, unerwiderten Liebe manifestiert sich in der japanischen Poesie demzufolge auf drei verschiedene Arten: In der Männerdichtung aus der Sicht eines Mannes, in derjenigen aus der fiktiven Sicht einer Frau sowie in der Frauendichtung.

Die Thematik der wartenden Frau (matsu onna) ist insbesondere ein zentrales Charakteristikum der Frauendichtung. Der Topos entwickelte sich in Japan zum ästhetischen Ideal von Weiblichkeit schlechthin. Die Frauendichtung soll ausserdem für den insgesamt weiblichen Charakter der Heian-zeitlichen Lyrik mitverantwortlich sein. Als Wegbereiter dieses Stils wird oft die Frauenpoesie der späten Man’yô-Zeit, insbesondere diejenige der Frauen im Umkreis von Ôtomo no Yakamochi angeführt.

Sowohl die Thematik der wartenden Frau als auch der weibliche Charakter der klassischen Männerdichtung gelten rezeptionsgeschichtlich gemeinhin als typisch japanisches Phänomen. Vergleiche mit der chinesischen Boudoirpoesie legen jedoch nahe, dass es sich hierbei nicht um ein exklusiv japanisches Charakteristikum handelt. Sowohl das Ideal passiver Weiblichkeit, repräsentiert durch das Dichtungsideal der wartenden Frau als auch der weibliche Emotionsausdruck in der Männerlyrik können zu einem nicht unerheblichen Teil auf Einflüsse der chinesischen Boudoirpoesie auf das japanische waka zurückgeführt werden. In meinem Beitrag werde ich nachzuzeichnen versuchen, wie die chinesische Boudoirpoesie ihre Einflüsse auf das klassische japanische waka geltend machte und schliesslich im Topos der „wartenden Frau“ mündete.