Abstract Die Konstruktion der träumenden Frau

Das Traummotiv bildet seit den frühesten überlieferten literarischen Werken aus dem 8. Jahr­hundert einen festen Bestandteil der japanischen Literatur. Der Traum ist vor allem ein kon­ventionelles Sujet der klassischen japanischen Poesie, insbesondere der Liebeslyrik. Bei der Untersuchung der mit klassischen japanischen Traumgedichten beschäftigten Literatur­geschichte fällt auf, dass es meist die Dich­terinnen und nicht die Dichter sind, die mit dem Motiv assoziiert werden. Es gibt drei Deutungsmöglichkeiten für dieses Phänomen:

 

  • Frauen verwenden das Motiv häufiger als Männer

  • Frauen verwenden das Motiv anders als Männer

  • Das Motiv wird in Frauengedichten anders rezipiert als in Männergedichten

 

Statistische und inhaltliche Analysen der Traumgedichte ergeben, dass Dichter das Motiv nicht weniger verwendeten als Dichterinnen. Inhaltlich lassen sich ebenfalls kaum Unter­schiede festmachen. Der Traum wird in der japanischen Literaturwissenschaft dennoch als typisch weibliches Sujet verstanden. Diese geschlechts­spezifische Rezeptionsweise ist unter anderem auf die marginalisierte Stellung der Frau in der Nara- (710–784) und Heian-Zeit (794–1185) zurückzuführen. Aufgrund der damaligen polygamen Gesell­schafts­struktur, der Besuchs-Ehe sowie des Ausschlusses von Frauen aus dem öffentlichen Le­ben wird ihr Dasein im Allgemeinen als unerfüllt und einsam rezipiert. Diese Marginalisierung findet ihre Bestätigung in der Frauendichtung selbst, deren zent­rale Themen das Beklagen einseitiger Liebe, das nächtelange Warten sowie der Ausdruck der heimlichen Sehnsucht sind – oft symbolisiert durch den Traum vom Geliebten. Die Kon­gruenz von Dichtung und gesell­schaftlicher Stellung verleitet dazu, Frauengedichte biogra­phisch auszulegen: Die Dichterinnen werden als unglückliche Frauen verstanden, die sich in eine Traumwelt flüchteten, als einzige Dimension, in der sie ihre Liebe verwirklichen konn­ten. Diese Rezeptionsweise hat somit weniger mit einer Affinität der Dichterinnen zum Traummotiv als mit vagen Vorstellungen über das Leben der Frauen in der Heian-Zeit zu tun. Die Männerdichtung insgesamt – und somit auch die Traumdichtung – wird als eigenstän­dige, stilisierte Kunstform gelesen, die Frauendichtung hingegen als direkter Ausdruck eige­ner Lebenserfahrungen. Frauen werden in der japanischen Literaturwissenschaft bezeich­nender­weise oft dann als Traumdichterinnen bezeichnet, wenn wenig über ihr Leben bekannt ist oder ihnen ein unglückli­ches Liebesleben nachgesagt wird. Eine solche Rezeptionsweise gründet jedoch meist in den Ge­dichten selbst, die oft das einzige Quellenmaterial darstellen, das von Dichterinnen erhalten ist, wodurch ihre Legendenbildung vorangetrieben wird. Dabei wird ver­nachlässigt, dass es sich beim Ausdruck der unerfüllten Liebe und dem mit ihr verknüpften Traummotiv um eine Stilisierung handelt – um die Ästhetisierung von Verzweiflung. Die einsam träumende Frau ist somit ein Konstrukt, das weniger auf gesellschaftlichen Verhältnissen sondern auf einer geschlechts­spe­zifischen Rezeptionsweise seitens der Literaturwissenschaft basiert. Es belegt die bisherige Tendenz seitens der japanischen Literaturwissenschaft, Dichterin­nen künstlerische Innovationskraft und das Vermögen, Fiktion zu schaffen, abzusprechen.