Abstract Biographismus und Intertextualität in der klassischen japanischen Poesie

In Studien zur klassischen japanischen Poesie sind in der japanischen Literaturwissenschaft drei Ansätze besonders häufig: die analytisch-kommentatorische (hyôshaku), die literaturhistorische sowie die biographische Textdeutung. Bei letzterer wird entweder die Biographie eines Autors der Textanalyse zugrunde gelegt oder es werden aus dem Text Rückschlüsse auf die Vita des Autors gezogen. Insbesondere die Traumlyrik von Frauen wird oft als Ausdruck eines unerfüllten Lebens und einer Flucht in eine illusionäre Traumwelt ausgelegt, deren Ursachen in biographischen Schicksalsschlägen oder in der sozialen Stellung der Frau gesucht werden. Der Biographismus läuft deshalb Gefahr, die Legendenbildung und Mythifizierung einer Dichterin zu fördern. Besonders problematisch wird dieser Ansatz, wenn die Legende einer Autorin, die durch eine biographische Textdeutung entstanden ist, rückwirkend auf die Interpretation eines Textes angewandt wird und dadurch dessen Aussage möglicherweise verzerrt oder gar falsifiziert. Der Biographismus bietet zwar in vielen Fällen unersetzliche Informationen zum Verständnis eines Textes, aber diese Herangehensweise birgt die Gefahr, dass wichtige Aspekte des künstlerischen Schaffensprozesses ignoriert werden.

Die Konventionalität der klassischen japanischen Poesie bietet einen Ansatz, mit dem textimmanent die Möglichkeit besteht, ein Gedicht zu erschliessen, ohne auf oft unzuverlässige biographische Angaben zurückgreifen zu müssen: Konventionelle Motive (wie der Traum), Stoffe und Themen, die traditionell festgelegte und eingeschränkte poetische Sprache sowie die in der japanischen Poesie kulturspezifisch häufigen Allusionen auf frühere oder zeitgenössische Werke stellen ein Gedicht in ein dichtes Netz horizontaler und vertikaler intertextueller Beziehungen, durch deren Auffindbarmachung ein Gedicht bis zu einem gewissen Grad „entschlüsselt“ werden kann. Die japanischen Kommentare bieten hierbei eine unersetzliche Hilfe. Moderne Intertextualitätstheorien dienen darüber hinaus als Hilfsmittel, um die intertextuellen Bezüge zu kategorisieren und zu strukturieren. (Da Intertextualitätstheorien meist auf westliche Literaturformen zugeschnitten sind, bedürfen sie allerdings der Modifikation). Somit bietet eine Synthese von japanischen und westlichen methodischen Ansätzen ein Raster, welches es ermöglicht, japanische Gedichte zu untersuchen und dabei trotzdem westlichen Ansprüchen an die Literaturwissenschaft gerecht zu werden.